Mein Radio-Ritual

Thing-Write-Talkabout-Wortfindung und Sprachdesign

Der Wecker steht auf kurz vor. Ich darf ihn auf keinen Fall verpassen: Meinen Sonntagsmorgen-Ohrenkitzel. Mein lukullisches Musikfrühstück! Worte mit Würze. Lecker. Lustig. Leidenschaftlich. Hmmm!

Mein was?!

Auf der Skala zwischen NDRInfo und NDRKultur liegt ein Sendungskleinod: Eine Götterspeise. Im Hamburger Lokalradio (96,0 MHz)

Brötchen und kalter Kaffee müssen sonntagsmorgens immer erstmal warten. So viel Zeit muss sein.

Für diese Sendung habe ich mir extra ein batteriebetriebenes „Dampfradio“ mit Antenne besorgt, die ich tatsächlich manchmal manuell „schwenken“ muss. Das Radio steht auf Ohrhöhe neben meinem Bett und wartet auf Alex.

Unter Rauschen, Knattern und Piepen dreh ich den Sendersuchknopf hin und her bis die Stimme da ist. Das macht wach und die Sache schon mal spannend.

Jeder Mensch braucht Rituale. Sonntagmorgen allemal. Und an Corona-Sonntagen erst recht. Dieses hier ist mein liebstes, ich liebe es wie man ein Ritual nur lieben kann.

Und dann – Punkt neun: Seine Stimme flasht mich sofort und schmelzt mich in einen Abhängigkeitsmodus nach dem ich sonntags schmachte wie Fliegen nach Franzbrötchen.

„Hallo – aus Tauschers Plattenkiste – sagt der Alex.“ Zum Glück kein „Liebe Hörer*innen“ (Anmerkung der Autorin: ich hasse das). Die Sendung heißt „Plattenkiste“, weil damit Schallplatten, ergo Musikstücke gemeint sind, keine Kuchenplatten. Obwohl: manchmal sind sie schon schön süß und klebrig – schmecken aber prima. Süßes ist Nervennahrung.

Der Erfolg seines Konzeptes fußt auf genialer Einfachheit.

Alexander Tauschers Ost-West-Wissen und sein „Unterhaltungs-Know-how“ sind unser Vergnügen und sein Kapital. Er schöpft aus einem schier schrankenlosen Archiv aus Texten und Melodien aller Genres, von Oper über Jazz bis Schlager und Kinderchor.

Zu Beginn jeder seiner „Kultsendungen“ kündigt er einen Begriff an, zum Beispiel „Fliegen“ – entweder ist das Fliegen oder es sind die Fliegen im Titel zu finden oder „fliegen/Fliegen/Rausfliegen“ wird wörtlich besungen.

Gelegentlich steuert der Lyriker Moritz Einzel zu meiner großen Freude so ein launiges Gedicht bei, wie kürzlich „Kleine Stubenfliegenwortkaskade“. Genial!

Die Sendung ist voller Überraschungen. Man kennt aber nur den Rahmen. Sonst nichts.

Und DAS ist es eben.

WAS kommt?

WAS reiht der Tauscher da aneinander?

Wer hineinhört und glaubt es seien alles nur „alte Schlager von Annodunnemals“, der sollte sich dringend einen Ohrenanspitzer besorgen, sonst verpasst er was. Alexanders Platten-Potpourri aus gesprochenen, gesungenen und rein konzertanten Gedanken ist ein Subtext-Mix der besonderen Art. Er transportiert mit der Musik auch Aufklärung über kulturelle Entwicklungen, über musikalisch-politisches Eingreifen in Ost und West. Ganz nonchalant und auf geradezu chamäleonhafte Weise bringt er das rüber. Er kennt sich aus.

Und das wundert auch keinen, der weiß, dass Alexander Tauscher, Jahrgang 1973, in Chemnitz aufgewachsen, die Subsprachtechnik der DDR mit der Muttersprache einatmete, und sie schon von daher beherrscht wie kein „Wessi“ das jemals könnte.

Man muss es gehört haben!

Tauschers geniales Plattenkisten-Konzept ist – absichtlich oder nicht – doppelbödig im besten Sinne und funktioniert absolut zuverlässig. Nie haben sich mir die „Verhältnisse im Osten“ gegenüber denen im „Westen“ überzeugender und nachhaltiger erschlossen, als durch diese vergleichend-gegenüberstellende Musiksendung. Tauscher zeigt, wie subtil geistige Manipulation der Menschen mittels Text und Melodie funktioniert.

Aber er sagt es nicht. Er spielt nur seine Platten.

Ich erläutere es kurz: Berühmte Schlager aus den 1960ern oder 70ern präsentiert er zweimal hintereinander zum Vergleich, einmal auf DDRisch einmal BRDisch. Wenn zum Beispiel Connie Froboess dazu einlädt, die Badehose einzupacken und an den Wannsee zu fahren, kommt prompt das DDR-Warnlied vor den bösen Amis am Wannsee. Das ist ein klammheimlicher gesellschaftspolitischer Hochgenuss. Manchmal zum Lachen, oft fühle ich aber auch einen Kloß im Hals.

Wie gut und wichtig das Erinnern an politische Einflussnahme ist, führt uns die aktuelle Situation des Mohren- versus Möhrenstraße- und Bismarck-Rübe-ab-oder-nicht-Streit mehr als deutlich vor Augen.

Haben wir Westler den Osten jemals verstehen wollen? Ich denke nein. Das fällt uns nun vor die Füße.

Da ist ein Moderator wie Alexander Tauscher unverzichtbar. Ich wünschte, auch staatliche Sendeanstalten gäben ihm und uns dafür mehr Raum und Zeit. Immerhin haben sie ja einen kulturellen Auftrag und die Verpflichtung zu Musikvielfalt. Dass seine Stimme viele Hörer an Sie binden würde, sei Ihnen gewiss.

Tauscher hat das Bienert-Gen: Ihm fluten Wohlwollen und Bereitwilligkeit entgegen und er weiß sie zu nutzen, um ausgleichend aufzuklären. Er macht es so, dass man es kaum merkt, nicht oberlehrerhaft und missionarisch, sondern lecker, lustig, leidenschaftlich. Doch das Gehörte klingt immer nach. Es bleibt im Ohr.

Auch Tauscher war ein guter Lauscher.

In seiner Jugend, als Alexander noch den RIAS und Hans Rosenthal hörte, hatte sich bei ihm der Gedanke eingegraben, Radiomoderator werden zu wollen. Darum trugen ihn seine Füße nach der Grenzöffnung auch als erstes schnurstracks in die Kufsteiner Straße zum RIAS (heute: Deutschlandradio Kultur). Und so ist er seinem späteren Mentor Christian Bienert (1947-2020), schon früh begegnet, der dort fast 30 Jahre das weltweit erfolgreiche Sonntagsrätsel konzipierte und moderierte. Bienert, der geniale Brückenbauer schaffte es immer wieder, drei Hörer-Generationen zur selben Zeit über seine Sendung, die Musik, die Interpreten oder die Texte austauschten. Weltweit.

Ihm hat Tauscher alles abgelauscht, was ein guter Moderator braucht.

Bis auf seine sonore Stimme die ist eine Gabe, und wie bei Bienert, ist sie der Magnet, der nach den Ohren greift, um Kopf und Mensch in seine Sendung zu ziehen. Ist sie zu Ende, sagt er immer: „Gleiche Stelle, gleiche Welle – auf alle Fälle. Ciao sagt der Alex und wie immer: Auf Weiterhören.“

Auf jeden Fall ist für mich „nach der Sendung vor der Sendung“.

Sonst würde ich hier ja jetzt nicht sitzen und schreiben, um mir meine Wartezeit zu vertreiben. Es ist erst Freitag. Mein Wecker steht schon auf Sonntag kurz vor neun. Ich darf ihn auf keinen Fall verpassen.

© Susanne Dorendorff – www.susannedorendorff.de